Châtelet, Gabrielle-Émilie, Marquise du, geb. Baronin L. Tomelier de Breteuil, * 1706 in Paris, † 1749 in Lunéville. Mit 19 Jahren heiratete sie den Oberhofmarschall Du Châtelet des vertriebenen Polenkönigs Stanislaw Lesczynski. Das Paar bekam drei Kinder, später sahen sie sich nur noch selten. Die Marquise hatte diverse Liebschaften. Darin unterschied sie sich nicht von anderen berühmten Frauen ihrer Zeit. Aber sie war außerdem den Wissenschaften und vor allem den Naturwissenschaften ergeben. Sie korrespondierte mit Christian Wolff in Halle. Maupertuis und später Samuel König unterrichteten sie in Mathematik. Clairaut unterstützte sie bei der Übersetzung von Newtons Principia ins Französische. Mit Voltaire lebte sie bis zu ihrem Tod zusammen in ihrem Schloß Cirey. Dort hatten sie ein physikalisches Laboratorium eingerichtet. 1738 bewarben sich beide unabhängig voneinander um einen Preis, den die Académie des Sciences für den besten Essay über Natur und Ausbreitung des Feuers ausgesetzt hatte. Zwar gewann schließlich Euler den Preis, die Académie ließ aber die Arbeit Voltaires und auch die der Marquise drucken. Voltaire hing an Frau von Châtelet, wie an keinem anderen Menschen. Erst nachdem sie bei der Geburt eines Kindes gestorben war, folgte er dem drängenden Werben des Preußenkönigs Friedrichs II an seinen Hof nach Potsdam.
Voltaire schrieb eine Gedenkrede, die als Vorwort in der posthum veröffentlichten französischen Übersetzung von Newtons "Principia" erschien. Darin heißt es:
„Wir haben zwei Wunder erlebt: das eine, daß Newton dieses Werk schuf, und das andere, daß eine Frau es übersetzte und erläuterte. Das war keineswegs ihr Probestück; schon vorher hatte sie eine Deutung der Leibnizschen Philosophie veröffentlicht ... und entwickelte dabei eine Methode und eine Klarheit, die Leibniz selbst nie besaß und deren seine Gedanken bedürfen, sei es, daß man sie verstehen, sei es, daß man sie widerlegen will."
Später kam Voltaire auf die Schwierigkeiten der Übersetzung Newtons aus dem Lateinischen zu sprechen: „Die Neuzeit mußte neue Worte bilden, um die neuen Gedanken ausdrücken zu können, das ist ein großer Nachteil der naturwissenschaftlichen Bücher, und man muß einräumen, daß es nicht mehr der Mühe wert ist, die Bücher in einer toten Sprache zu schreiben, weil man stets neue, im Altertum unbekannte Ausdrücke hinnehmen muß, die nur Verwirrung schaffen können. Das Französische, die in Europa gebräuchlichste Sprache, verfügt über alle die neuen und notwendigen Ausdrücke und eignet sich daher viel besser als das Latein, diese neuen Erkenntnisse in der Welt zu verbreiten." Von der Marquise schrieb Voltaire: „Keine Frau war jemals so gelehrt wie sie, und keine hat so wenig verdient, daß es von ihr hieß: ´Sie ist ein gelehrtes Frauenzimmer´. Sie sprach immer nur mit denen über Naturwissenschaften, von denen sie glaubte, etwas lernen zu können; und niemals sprach sie darüber, nur um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken ... Sie war Newton darin überlegen, daß sie Tiefe der Philosophie mit dem lebendigsten und feinsten Sinn für Literatur verband."
Schriften
Dissertation sur la nature et la propagation du feu, Paris, 1739.
Institutions physiques de Madame la Marquise du Châtelet adressées à Mr. son Fils, Nouvelle edit, Amsterdam, 1742.
Principes Mathematiques de la Philosophie Naturelle (Übersetzung und Überarbeitung der Newtonschen Principia), Paris, 1759.
Literatur
Taton, R., in: Gillispie, Charles Coulston (Hrsg.), Dictionary of Scientific Biography, 14 Bde. New York, 1970-1980.