FernelFernel, Jean François, * 1497 in Montdidier (Picardy), +1558 in Fontainebleau. Gegen den Willen seines Vaters studierte er Philosophie, Astronomie und Mathematik. Um 1528 maß er in eigener Initiative die Entfernung zwischen Paris und Amiens mit einem Meßwagen, bei dem ein Zählwerk jeweils eine bestimmte Zahl von Umdrehungen eines Wagenrades durch ein Glockenzeichen anzeigte. Mit Hilfe eines Kompasses beobachtete er die Richtung der befahrenen Wege. Die astronomischen Breiten von Anfangs- und Endpunkt bestimmte er durch Beobachtung des Sonnenstandes, dabei die tägliche Änderung berücksichtigend. So berechnete er die Länge des Meridiangrades. Das war die erste Erdmessung der Neuzeit. Fernel veröffentlichte das Ergebnis in seiner Cosmotheoria.

Nach seiner Heirat verlangte Fernels Vater rigoros, er müsse jetzt Medizin studieren. 1530 erhielt er die venia practicandi. Innerhalb weniger Jahre wurde er einer der berühmtesten Ärzte Frankreichs und Hofarzt von Franz I. und Heinrich II. Mit Erfolg behandelte er auch die Diane de Poitiers. So bekam er leibhaftig zu sehen, was Touristen heutzutage in französischen Schlössern auf großflächigen Bildern bestaunen. Sein Ruhm als Mediziner war größer als der als Geodät und Astronom. 1534 wurde er Professor der Medizin. Er hatte viele Schüler. Fernel war der erste Arzt der Neuzeit, der das Sezieren als einen wichtigen Zweig seiner klinischen Pflichten ansah. Er beschrieb auch als erster die "Blinddarmentzündung" und führte die Begriffe "Physiologie" und "Pathologie" in die medizinische Terminologie ein. Man nannte ihn häufig den "modernen Galen". Zur Rechtfertigung neuer Wege in den Wissenschaften schrieb er:

„Was aber, wenn unsere Altvorderen und diejenigen, die ihnen vorangegangen sind, einfach den gleichen Weg beschritten hätten, wie die vor ihnen?... Nein, im Gegenteil scheint es gut zu sein für die Philosophen, sich auf neuen Wegen und in neuen Systemen zu bewegen, es scheint gut für sie zu sein, weder der Stimme des Verleumders noch dem Gewicht der alten Kultur oder dem Gewicht der Autoritäten zu gestatten, jene zu hindern, die ihre eigenen Ansichten zum Ausdruck bringen. Auf diese Art und Weise bringt jedes Zeitalter seine eigene Ernte an neuen Autoren und neuen Künsten hervor. Unser Zeitalter sieht Kunst und Wissenschaft nach zwölf Jahrhunderten der Ohnmacht wieder erstehen, Kunst und Wissenschaft haben jetzt ihren alten Glanz erreicht oder sogar übertroffen. Unser Zeitalter braucht sich in keiner Weise zu schämen und sich nach dem Wissen der Antike zu sehnen: ... Unser Zeitalter vollbringt Dinge, von denen die Antike sich nichts träumen ließ ... Der Heldenmut unserer Seeleute ließ sie den Ozean überqueren und neue Inseln finden. Die fernen Geheimnisse Indiens liegen jetzt offen vor uns. Der Kontinent im Westen, die sogenannte Neue Welt, unseren Vorvätern noch unbekannt, ist uns zum größtenTeil bekannt. In all diesen Dingen und in den Gebieten, die zur Astronomie gehören, hatten Plato, Aristoteles und die alten Philosophen Fortschritte erzielt, denen Ptolemäus viele hinzugefügt hatte. Würde jedoch einer von ihnen heute zurückkehren, so fände er die Geographie so verändert, daß er sie nicht wieder erkennen würde. Ein neuer Erdball ist uns von Seefahrern unserer Zeit gegeben worden" (zitiert nach Bernal, 1954).

Wagen mit eingebauten Wegemessern wurden später noch mehrere gebaut.

Schriften zur Geophysik

Cosmotheoria, Paris, 1527.



Literatur

Bernal, John Desmond: Science in History, London, 1954; deutsch, Hamburg, 1970.

Günther, Siegmund: Lehrbuch der Geophysik und Physikalischen Geographie, Bd.1, S.140. Stuttgart 1884.

La Cour, Paul und Appel, Jakob: Die Physik auf Grund ihrer geschichtlichen Entwicklung. Bd.1, S.283. Braunschweig, 1905.

Sherrington, C.S.: Endeavour of Jan Fernel. Cambridge, 1946.