Hansteen
Hansteen, Christopher, * 1784 in Christiana (heute Oslo), † 1873 in Christiana. Das Leben Hansteens ist so eng mit der Geschichte Norwegens verwoben, daß hier eine kurze Einschaltung über diese Geschichte erforderlich ist: Norwegen war seit 1397 mit Dänemark vereinigt. 1807 nahmen die Engländer im Kampf gegen Napoleon den Dänen (und Norwegern) ihre Flotte ab. Deshalb verbündete sich Dänemark mit Napoleon. Nach dessen Besiegung 1814 mußte Dänemark „zur Strafe" Norwegen an Schweden abtreten. Dies führte zur Erhebung der Norweger, die sich nicht zum Spielball der Mächte machen lassen wollten. Daraufhin rückten die Schweden in das neu erworbene Norwegen ein und ließen ihren König Karl XIII. in Personalunion zum König von Norwegen wählen. In der Folgezeit waren die Schweden aber weise und tolerant, so daß man relativ gut miteinander auskam, obwohl die Norweger mehr demokratisch und die Schweden mehr aristokratisch eingestellt waren. Erst 1907 wurde Norwegen selbständig. Wie alle Norweger war Hansteen ein Patriot.

1802 wollte Hansteen Jura studieren, um schnell für seine Mutter und seine Geschwister sorgen zu können. Da damals Norwegen noch mit Dänemark vereinigt war, ging er zum Studium nach Kopenhagen. Dort geriet er unter den Einfluß von Hans Christian Oersted (1777-1851). Oersted hatte viel Zulauf unter den Studenten wegen seines packenden Vortrages. Hansteen ließ sich von Oersted bewegen, aber nicht mitreißen. Er sattelte um auf Astronomie und Physik, folgte Oersted aber nicht auf dem Weg in die Naturphilosophie. Es gibt einen seltsamen Brief von Hansteen an Faraday aus dem Jahre 1857. Darin beschrieb er Oersted als schlechten Experimentator. Dieser Brief hat Aufsehen erregt und wurde wiederholt zitiert, vgl. darüber Stauffer (1953).

1806 übernahm Hansteen die Stelle des Mathematiklehrers an der Lateinschule zu Frederiksborg bei Kopenhagen. Dort erwachte sein Interesse für den Erdmagnetismus. Als die königliche Gesellschaft der Wissenschaften 1811 eine Preisaufgabe stellte: „Lassen sich die Erscheinungen des Erdmagnetismus durch eine einzige magnetische Achse erklären oder müssen deren mehrere angenommen werden?" bewarb sich Hansteen, nachdem er ein umfangreiches Literaturstudium getrieben und eigene Rechnungen angestellt hatte. Er gewann den Preis. Aus seiner Preisschrift ging Hansteens Buch von 1819 hervor.

Auf Grund der Preisschrift wurde Hansteen im Jahre 1814 an die 1811 gegründete Universität in Christiana berufen. Nachdem er Cathrine Andrea Borch, die Tochter eines angesehenen dänischen Schulrektors geheiratet hatte, versuchte er mit seiner jungen Frau nach Christiana zurückzukehren. Eigentlich war es jedem Norweger bei Todesstrafe verboten, auf einem anderen Weg als über Schweden nach Norwegen zu reisen. In Schweden wäre Hansteen aber auf den schwedischen König vereidigt worden und hätte sich dann in Norwegen nicht blicken lassen dürfen. Deshalb trat er die Reise mit einem gecharterten Boot an. Das Boot wurde von einem englischen Kriegsschiff aufgebracht, dessen Kapitän ließ sie aber frei. Hansteen darüber: „Auch die Anwesenheit einer jungen Dame an Bord hat wohl dazu beigetragen, ihn zu überzeugen, daß unsere Expedition nicht kriegerischer Natur war".

Beim Aufbau der ersten Universität Norwegens gab es für Hansteen viel zu tun; denn Norwegen war im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern noch unterentwickelt:

„Als ich 1814 ins Vaterland zurückkam, als Lektor der angewandten Mathematik, war die Bestimmung von Maß und Gewicht in größter Unordnung. Ratsmann Saxhild, ein ganz unpraktischer Mann, ließ Gewichte, Hohl- und Längenmaße und die Waagen von seiner Frau justieren. In ihrer Küche verglich sie die vom Gürtler gelieferten Gewichte auf derselben Waagschale, auf der sie Mehl und Zucker abwog, mit den alten abgenutzten Magistrats-Normalgewichten aus Dänemark, neben sich einen Schmiedegesellen, der sie abfeilte, wenn sie fand, daß sie zu schwer waren. Mit der Justierung der anderen Geräte ging es genauso nachlässig zu. Deshalb wurde nach der Abtrennung von Dänemark eine Kommission eingesetzt, um ein eigenes von Dänemark unabhängiges Maß- und Gewichtssystem für Norwegen auszubilden".

Hansteen wurde Leiter dieser Kommission und entwickelte wissenschaftliche Grundlagen für das neue Maßsystem. Er war auch der erste Astronom und hatte die geographischen Koordinaten Christianas zu bestimmen. Dazu diente ihm ein achteckiger Schuppen, der später Berühmtheit erlangte, weil Ole Höiland, ein volkstümlicher Dieb, 1836 darin gefangen gehalten wurde und entfloh. 1830 hatte Hansteen ein richtiges astronomisches und 1835 ein erdmagnetisches Observatorium bekommen. Seine bedeutendste astronomische Erfindung war eine einfache Methode der Zeitbestimmung durch Beobachtung eines Sternes in der Vertikalebene durch den Polarstern. Er war für die Landesvermessung zuständig und verlängerte 1855 das große Struvesche Profil nach Norden zu. Er hielt Vorlesungen an der Universität und an der Artillerie- und Ingenieurschule. Er schrieb Lehrbücher über Astronomie, Geometrie und Mechanik und gab seit 1822 das „Magazin für Naturvidenskaberne" heraus.

Neben all diesen Verpflichtungen setzte Hansteen seine magnetischen Arbeiten fort. Vor allem widmete er sich jetzt der Messung der Horizontal- und der Vertikalintensität mit Schwingversuchen. Dabei benutzte er normierte Magnetnadeln und gab solche auch zu Vergleichsmessungen weiter, z.B. an Joseph Henry in Amerika. Zur Bestimmung des Eichfaktors reiste er 1819 nach Paris und London. 1821 machte er Messungen in Bergen, 1825 am Bottnischen Meerbusen und in Finnland. Unter Benutzung der Ergebnisse zeichnete er 1826 die erste Isodynamische Karte (die Humboldtsche Karte von 1804 enthielt nur „Intensitätszonen"). 1828-1830 machte Hansteen zusammen mit Adolf Erman und dem Leutnant Due eine Expedition zu magnetischen Messungen nach Sibirien bis Irkutsk und Kjachta (heute Kyakhta) an der Grenze zur Mongolei. Sehr bekannt wurde im vorigen Jahrhundert die Tatsache, daß das Norwegische Storting einstimmig die Mittel für diese Expedition bewilligte, nachdem es dem König kurz vorher das Geld zum Bau eines Palastes in Christiana abgeschlagen hatte. Hansteen bemerkte dazu, es treffe keineswegs immer zu, was man zu glauben geneigt war, daß es leichter sei, eine absolute Regierung zur Unterstützung von Kunst und Wissenschaft zu bewegen als eine Volksvertretung, die zum Teil von Männern gebildet wird, die mit der Wissenschaft wenig vertraut sind.

Hansteen wird der „Vorläufer von Gauß" genannt. Tatsächlich hat Gauß' allgemeinere Methode der Darstellung des Erdmagnetfeldes durch eine Entwicklung nach Kugelfunktionen Hansteens Darstellung durch zwei magnetische Achsen verdrängt. Gauß konnte sich bei seinen Berechnungen aber auf von Hansteen gesammelte und zum Teil gemessene Daten stützen, und das Buch von Hansteen hat „einen nicht zu verkennenden Einfluß auf die Belebung und bessere Richtung der geomagnetischen Studien ausgeübt" (Alexander von Humboldt, Kosmos).




Schriften

Untersuchungen über den Magnetismus der Erde. 1.Teil: Die mechanischen Erscheinungen des Magneten, übersetzt von P. Treschow-Hansen, Christiania, 1819.

Magnetischer Atlas gehörig zum Magnetismus der Erde, Christiania, 1819.

Reiseerinnerungen aus Sibirien, Leipzig, 1854.

Resultate magnetischer, astronomischer und meteorologischer Beobachtungen auf einer Reise nach dem östlichen Sibirien in den Jahren 1820-1830 von Professor Christopher Hansteen und Lieutnant Due, Christiania, 1863.




Literatur

Balmer, Heinz: Beiträge zur Geschichte der Erkenntnis des Erdmagnetismus, S. 737-738. Aarau, 1956.

Birkeland, Kristian: Biographical sketch of Hansteen, Terr. Mag., 7, 75-76, 1902.

Chapman, Sydney und Julius Bartels: Geomagnetism, S. 914, 925-927. Oxford, 1940.

La Cour, Paul und Jacob Appel: Die Physik auf Grund ihrer geschichtlichen Entwicklung, Bd. 2, S. 221-225, 1905.

Stauffer, R. C.: Persistent errors regarding Oersted's discovery of electromagnetism, Isis, 44, 307-310, 1953.