Kelvin
Kelvin, Lord, geb. Thomson, William, * 1824 in Belfast, † 1907 in Netherhall bei Largs, Schottland. Den Namen Lord Kelvin nahm er 1892 an, nachdem er geadelt wurde. Der Bach Kelvin ist ein Nebenflüßchen des Clyde in Glasgow. Williams Mutter starb, als er sechs Jahre alt war, und hinterließ ihrem Mann, einem Mathematikprofessor, eine Schar kleiner Kinder, die vom Vater aufgezogen und unterrichtet wurden. Deshalb hat William nie eine Schule besucht. Der Vater nahm 1832 einen Ruf nach Glasgow an und verhalf 1846 auch seinem 22jährigen Sohn dort zu einem Lehrstuhl für Natural Philosophy. Diesen behielt William bis zu seinem Tode.

Kelvin förderte viele Gebiete der Physik. Am wichtigsten war die Entdeckung des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik, die ihm 1851 gleichzeitig mit Rudolf Clausius (1822-1888) gelang. Am bekanntesten ist er heutzutage durch die Benennung der Einheit der absoluten Temperatur mit seinem Namen. In diesem Fall erfolgte die Namensgebung völlig zu recht, denn Kelvin war es, der die absolute, thermometrische Skala definierte. Sie stimmt recht gut mit derjenigen überein, die man aus der Ausdehnung von Gasen gewinnt. Bei der genauen Überprüfung des Verhaltens realer Gase fanden Joule und Kelvin die Temperaturänderung strömender Gase an einer Drosselstelle. Mit großem Erfolg übertrug Kelvin die thermodynamischen Ergebnisse auf elastische, elektrische und magnetische Prozesse. Mit 35 Jahren war er einer der angesehensten Physiker.

Über Kelvins technische Erfolge berichtet Felix Klein (1926/27) in seiner Vorlesung über die Entwicklung der Mathematik im 19. Jahrhundert:

„Ende der 50er Jahre beginnt dann Thomsons großartige, wohl einzig dastehende praktische Betätigung, zunächst durch die Bedürfnisse der Kabeltelegraphie. 1858 wurde nämlich das erste Kabel von England nach Amerika gelegt, das jedoch bald versagte - infolge der Anwendung zu starker Ströme, wie Thomson feststellte -, bis 1866 die feste Verbindung beim dritten Versuch endgültig glückte. Diese Jahre umfassen eine der denkwürdigsten Perioden in der Geschichte technischer Leistungsfähigkeit. In dieser Entwicklung war William Thomson der eigentlich führende Geist, der durch die Konstruktion zuverlässiger Instrumente und Methoden schließlich alle Schwierigkeiten überwand. Als Nebenresultat dieser Tätigkeit gelang Thomson eine unvergleichliche Verbesserung fast aller nautischen Instrumente. Ohne seinen kompensierten Kompaß, sein Tiefenlot usw. läßt sich eine rationelle Schiffahrt heute nicht mehr denken. Durch diese Erfolge erwarb Thomson ein großes Vermögen und eine unvergleichliche Popularität."

Als Redner zeichnete sich Lord Kelvin nicht aus. Gewöhnlich schlecht oder gar nicht vorbereitet, konnte er seine Gedanken nicht ordentlich darlegen. Er sprach weitschweifig und oft in unverständlicher Monotonie. Noch schlimmer war es bei Diskussionen. Immer wieder unterbrach er die Ausführungen, die andere machten, um seine eigenen Vorschläge anzupreisen. Was er nicht selbst gefunden hatte, interessierte ihn wenig. Jahrzehntelang soll er kein einziges Buch ganz durchgelesen haben.

Uns interessieren die Arbeiten Kelvins, die für die Geophysik besondere Bedeutung gewannen: Sein Streit mit den Geologen über das Alter der Erde, seine Ablehnung eines direkten Einflusses des Sonnenmagnetfeldes auf die Erde und seine Anregung zur Registrierung der Erdgezeiten. Kelvin beschäftigte sich viel mit den Gezeiten und wollte seiner „Natural Philosophy" ursprünglich einen besonderen Band mit einer dynamischen Behandlung der Gezeiten hinzufügen. Die bekannteste Gezeitenarbeit war die Erfindung einer Gezeitenrechenmaschine zur Gezeitenvorhersage (entwickelt 1872, gebaut 1876). Zur Erklärung der beobachteten Gezeiten der Atmosphäre schlug Kelvin die Resonanztheorie vor.




Schriften

Collected mathematical and physical papers, 6 Bde., Cambridge, 1882-1911.

Popular lectures and addresses, 3 Bde., London, 1891.

T+T': Principles of mechanics and dynamics, gemeinsam mit Peter Guthrie Tait, 2 Bde., Cambridge 1912, Dover republication, New York, 1962.

Handbuch der theoretischen Physik, Braunschweig, 1871/74.




Literatur

Burchfield, Joe D.: Lord Kelvin and the Age of the Earth. New York, 1975.

Crowther, J. G.: Große englische Forscher. Aus dem Leben und Schaffen englischer Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts. Berlin, 1948.

Darwin, G. H.: The Tides and Kindred Phenomena in the Solar System, 3rd Edition, S. 236-243. London, 1911.

Klein, Felix: Vorlesungen über die Entwicklung der Mathematik des 19. Jahrhundert. Berlin, 1926.

Thompson, Silvanus P.: The Life of William Thomson, Baron Kelvin of Largs, 2 Volumes. London, 1910.