Lomonossov
Lomonossow, Michail Wassiljewitsch, * 1711 in Michaninskaja (Gouvernement Archangelsk), † 1765 in St.Petersburg. Puschkin (1799-1837) sagte von ihm: „Er schuf die erste Universität, besser gesagt, er war selbst unsere erste Universität". Denn Lomonossow war ein Universalgelehrter und Künstler: Physiker, Chemiker, Astronom, Geologe, Metallurg, Geograph, Mosaikkünstler, Philosoph, Historiker, Philologe und Dichter.

Lomonossows Vater war ein Bauer und Fischer. Michail Wassiljewitsch besuchte die Schule in Moskau und in St. Petersburg. Mit zwei anderen jungen Leuten wurde er 1736 zu Christian Wolff nach Marburg und 1739 zu Bergrat Henckel nach Freiberg/Sachsen geschickt. Wolff, der Anhänger Leibniz' war, verehrte er sein Leben lang. Er selbst versuchte später, Leibniz und Newton zu verbinden. Mit Bergrat Johann Friedrich Henckel (1679-1744), der ein vorzüglicher Chemiker und Metallurg war, bekam er Streit. Vermutlich hielt er die Freiberger Verhältnisse für unter seinem Niveau, war er doch Schüler des großen Wolff. Gelernt hat er aber auch in Freiberg, obwohl er es im Mai 1740 eigenmächtig verließ. Er ging nach Marburg zurück, heiratete, durchstreifte Deutschland und die Niederlande, wobei er einmal um ein Haar preußischen Werbern in die Hände gefallen wäre.

1741 kehrte Lomonossow nach St. Petersburg zurück, wurde 1742 als Adjunkt und 1745 als Professor der Chemie von der Petersburger Akademie der Wissenschaften angestellt. Er machte sich um die mathematisch-physikalische Seite der Chemie verdient (Erhaltung der Masse). Er vertrat die atomistische Theorie und erklärte die Wärme durch Bewegung der Partikel. Ferner errichtete er eine Glasfabrik und das erste chemische Laboratorium in Rußland. Bei dem Venusvorübergang 1761 entdeckte er die Atmosphäre der Venus.

Die Petersburger Akademie war damals von Ausländern, Franzosen und vor allem Deutschen, überfremdet. Lomonossow, der für die russische Sache eintrat, hatte einen schweren Stand. Er schrieb eine russische Grammatik, Arbeiten über Rhetorik sowie eine russische Verslehre. Seine naturwissenschaftlichen Schriften veröffentlichte er meist lateinisch und russisch. Dazu mußte er aber zunächst für Physik und Chemie eine russische Fachsprache schaffen. Er ist das Haupt der älteren russischen Dichterschule.

Die dichterische Begabung merkt man auch in seinen naturwissenschaftlichen Schriften, z.B. in der folgenden Stelle des Abschnitts „Über die Erdschichten": Nachdem er eine Reihe von Beweisen angeführt hatte, warum Bernstein kein mineralischer Körper, sondern ein Produkt des Pflanzenreiches sei, fuhr er fort:

„Wer diesen klaren Beweisen nicht glauben will, der möge sich anhören, was die Würmchen und anderen Insekten, die im Bernstein eingeschlossen sind, erzählen: Die Sommerwärme und den Sonnenschein genießend, ergingen wir uns auf Pflanzen, die durch ihre Feuchtigkeit üppig rankten, und suchten und fanden alles, was zu unserer Nahrung diente; wir genossen die Annehmlichkeit der wohltuenden Jahreszeit und krochen und flogen, angelockt von wohlriechenden Düften, auf Gräsern, Blättern und Bäumen umher, ohne von ihnen Unheil zu befürchten. So setzten wir uns auch auf das flüssige Harz, das aus den Bäumen quoll; es hielt uns durch seine Klebrigkeit fest, machte uns zu Gefangenen, und da es unaufhörlich weiterfloß, wurden wir von ihm bedeckt und ringsum eingeschlossen. Dann senkte sich unser Wald durch ein Erdbeben, und das Meer ergoß sich darüber; die Bäume stürzten um und wurden - zusammen mit dem Harz und mit uns - von Schlamm und Sand bedeckt; dort drangen im Laufe einer langen Zeit mineralische Stoffe in das Harz ein und verliehen ihm große Festigkeit, mit einem Wort: Sie verwandelten es in Bernstein, in dem wir eine herrlichere Grabkammer erhielten, als sie die vornehmen und reichen Menschen besitzen können. In die Erzadern gelangten wir nicht anders und zu keiner anderen Zeit als das in unserer Umgebung befindliche versteinerte und verfaulte Holz."

Uns interessieren Lomonossows geowissenschaftliche Arbeiten zu Geologie und Bergbau, zu Luftelektrizität und Polarlicht und zur Gravimetrie. Lomonossow brachte westliche Ideen nach Rußland. Er zitierte Bouguer, Cassini, Henckel, Maupertuis und natürlich Wolff. Doch erschöpfte er sich nicht darin, sondern war ein origineller Denker und Beobachter. Immer wieder findet man in seinen Schriften Ausdrücke wie: „Bei meinen wiederholten Reisen hatte ich Gelegenheit wahrzunehmen..." oder „...,was ich gemessen habe". Es ist viel schöner, Lomonossow selbst zu lesen, als Lobeshymnen über ihn!




Schriften

Werke, hrsg. von S. I. Wawilow im Auftrag der Sowjetischen Akademie unter dem Titel „Polnoe sobrani sochineny", 10 Bde., Moskau-Leningrad, 1950-59.

Ausgewählte Schriften in zwei Bänden: I Naturwissenschaften, II Geschichte, Sprachwissenschaft u. a. Briefe, Berlin, 1961.

Rede über die atmosphärischen Erscheinungen, die von der Elektrizität herrühren (1753), Ausgewählte Schriften, Bd. I, S. 238-304, 1961.

Abhandlung über die Verbesserung der Orientierungsmöglichkeiten auf Seefahrten (1759), Ausgewählte Schriften, Bd. I, S. 392-407, 1961.

Erste Grundlagen der Metallurgie oder des Hüttenwesens (1763), Ausgewählte Schriften, Bd. I, S. 435-549, 1961




Literatur

Guntau, Martin: Michail Wasiljewitsch Lomonossow (1711-1765), Schriften zur Geol. Wiss., 14, 7-18. Berlin, 1979.