Wiechert, Emil, * 1861 in Tilsit, † 1928 in Göttingen. Studium der Physik in Königsberg, 1889 Promotion daselbst über elastische Nachwirkung bei Paul Volkmann (1856-1938, Theoretische Physik, Schüler von Franz Neumann). 1890 Privatdozent in Königsberg. Beschäftigung mit Kathodenstrahlen, erste Bestimmung des Verhältnisses von e/m. Woldemar Voigt (1850-1919) zog ihn nach Göttingen. Dort erhielt Wiechert 1898 den Lehrstuhl für Geophysik, den ersten, den es auf der Erde gab. Im gleichen Jahr machte er erste Proberegistrierungen mit einem kleinen Horizontalseismographen mit photographischer Registrierung. Ende 1899 reiste er nach Italien zum Studium seismischer Observatorien. Nach der Rückkehr Bau und Inbetriebnahme des mechanisch registrierenden astatischen Pendels. 1901 erfolgte der Einzug in das neuerbaute Geophysikalische Institut auf dem Hainberg oberhalb von Göttingen. 1904 17-Tonnenpendel mit 2000facher Vergrößerung und 1300 kg-Vertikalseismograph. Ab 1903 laufend jährliche Erdbebenberichte, ab 1904 zusätzlich Wochenberichte.

1902 wurde auf Wiecherts Anregen das Samoa-Observatorium bei Apia auf der Samoa-Insel errichtet und ebenfalls mit einem astatischen Pendel ausgerüstet. Der engen Zusammenarbeit mit diesem Observatorium verdankte Wiechert viele Einsichten in den Weg der Erdbebenwellen durch das Erdinnere. In den folgenden Jahren wurden im Göttinger Institut von Wiechert und seinen Mitarbeitern (Karl Zoeppritz 1881-1908, Wilhelm Schlüter 1875-1902, Georg von dem Borne 1867-1918, Otto Tetens 1865-1945, Ludwig Geiger, Ludger Mintrop, Gustav Angenheister sen.) wesentliche Erkenntnisse über die Ausbreitung, Brechung und Reflexion von Erdbebenwellen gewonnen. Dabei handelte es sich um longitudinale, transversale, Rayleigh-Wellen und Schichtschwingungen sowie Reflexion von Grenzschichten. Die Laufzeitkurven wurden sehr gewissenhaft bearbeitet. Die Anwendung des Herglotzschen Verfahrens ergab im Erdkern ein Absinken der P-Wellengeschwindigkeit und ein Aufhören des Durchganges von S-Wellen.

1923 registrierte Wiechert mit einem 2,5millionenfach vergrößernden Seismometer im Göttinger Geophysikalischen Institut die Bodenerschütterung, die von einer Steinbruchsprengung auf der 17 km entfernten Bramburg ausgingen. Es folgte eine ganze Serie von Untersuchungen solcher Steinbruchsprengungen. Diese Untersuchungen wurden im Institut kontinuierlich und langfristig ausgeführt und von Wiecherts Schüler Mintrop bei wirtschaftlichen Arbeiten in der sogenannten "Angewandten Geophysik" verwertet. Seismische Methoden wurden auch auf den Luftschall angewandt und eine reflektierende, warme Schicht zwischen 30 und 40 km beobachtet. Veröffentlichungen hierüber erschienen 1925-26.

Neben den Untersuchungen der Ausbreitung elastischer Wellen war Wiechert auch auf anderen geophysikalischen Gebieten tätig: Er baute ein besonders lichtstarkes Spektroskop und beobachtete damit die grüne Polarlichtlinie, auch in Nächten, die sonst keine Polarlichtaktivität erkennen ließen. Das Göttinger Institut beteiligte sich an einem Akademieprogramm zur Erforschung der Luftelektrizität. Dabei wurden auch Ballonaufstiege ausgeführt. Auch das Samoaobservatorium wurde durch die Akademie gefördert. Daneben arbeitete Wiechert auch theoretisch, so über die Grundlagen der Elektrodynamik (1899), über Gravitation, Äther und Relativitätstheorie (besonders 1920-1922).

Wiechert leitete seine Schüler an, aber er arbeitete nicht mit ihnen zusammen. Er lebte in einer gewissen Isolation mit seiner Mutter zusammen bis zu ihrem Tod (1927). Er heiratete 1908 Helene Ziebarth, Tochter des Göttinger Juristen, eine sehr musikalische Frau. 1903 wurde er Mitglied der Göttinger und 1912 der Berliner Akademie. Er war Mitbegründer der Internationalen Association of Seismology (seit 1903). 1922 gründete er die Deutsche Seismologische Gesellschaft, die Vorläuferin der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft.




Schriften

Theorie der automatischen Seismographen, Berlin, 1903.

Das Institut für Geophysik der Universität Göttingen, in: Festschrift „Die Physikalischen Institute der Universität Göttingen", S.119-188, Leipzig, 1906.

Über Erdbebenwellen (zusammen mit K. Zoeppritz), Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-Phys. Klasse, S. 415-549 + 3 Tafeln, 1907.

Bestimmung des Weges der Erdbebenwellen im Erdinneren (zusammen mit L. Geiger), Phys. Z., 11, 294-311, 1910.

Verzeichnis der Veröffentl. von Emil Wiechert, zusammengestellt von L. Stelzner, Veröff. Inst. für Bodendynamik und Erdbebenforschung, Jena, 1962.




Literatur

Angenheister sen., Gustav: Emil Wiechert. Nachruf, Z. Geophys., 4, 113-117, 1928.

Bullen, K. E., in: Gillispie, Charles Coulston (Hrsg.), Dictionary of Scientific Biography, 14 Bde. New York, 1970-1980.

Gerecke, F.: Über Emil Wiechert, Veröff. Inst. für Bodendynamik und Erdbebenforsch., Heft 72, S. 5-14. Jena, 1962.

Rothé, E.: Conférence sur les Travaux de Emil Wiechert, Gerlands Beitr. Geophys., 28, 390-412, 1930.

Schröder, Wilfried: Arnold Sommerfeld und Emil Wiechert, History of Exact Sciences, Vol. 32, No.1, S.77-93, 1985.